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Barlachs Geschichte der "Mutter"


Der Holsteiner Bildhauer Ernst Heinrich Barlach (1870-1938), dessen künstlerisches Schaffen zwischen Realismus und Expressionismus angesiedelt war, lebte ab 1910 im mecklenburgischen Güstrow. Bereits zuvor hatte sich Barlach allerdings mit den Fragen moderner Grabgestaltung beschäftigt. Die Erkenntnisse daraus bezog er auch in die Gestaltung eines für ihn wichtigen Auftrages für ein Grabmal der Familie des Stettiner Holzkaufmanns Dr. Richard Biesel ein.

So greift denn auch seine Darstellung einer Mutter („Mutter Erde II“) identitätsstiftende Symbole der Menschheitsgeschichte auf, indem diese ihren Schoß weit öffnet und damit auf den Ursprung des Lebens verweist, gleichzeitig aber auch die Toten wieder in die Erde als „Mutter Erde“ aufnehmen lässt.

Es mag verwundern, dass sich heute sowohl der Entwurf Barlachs als auch das Original in Güstrow – in bzw. an Barlachs Atelierhaus, der Gertrudenkapelle - bewundern lässt. Der Hintergrund dazu ist jedoch eine ganz eigene und ungewöhnliche Geschichte: Das Original der Mutterdarstellung aus Muschelkalk wurde im Jahre 1921 auf dem Stettiner Zentralfriedhof aufgestellt.

Als jedoch nach dem 2. Weltkrieg Stettin zu Polen kommt und die ursprünglichen Bewohner der Odermetropole geflohen sind oder vertrieben wurden, konnte man mit dem Denkmal auf dem Friedhof wohl nur wenig anfangen – es geriet in Vergessenheit. 1963 soll es dann jedoch von Bernhardt Blaschke, dem Leiter der Güstrower Barlachgedenkstätte, im beschädigten Zustand in Stettin entdeckt worden sein. Offensichtlich war man bereit, auf Barlachs Werk zu „verzichten“, denn das Denkmal wurde nun vom Friedhof entfernt und kam in den 60er-Jahren als „Geschenk“ der Volksrepublik Polen an die Deutsche Demokratische Republik nach Güstrow, auf den Gertrudenfriedhof bei der besagten Kapelle. – Ironie der Geschichte: 2011 – also genau 90 Jahre nach der Errichtung von Barlachs Darstellung der Mutter für die Familie von Dr. Richard Biesel - wird durch die Bildhauerin Monika Szpener eine Kopie angefertigt, auf dem Stettiner Zentralfriedhof aufgestellt und am 10. November des Jahres enthüllt. Möglich wurde dies durch einen Förderverein des Stettiner Zentralfriedhofes.


Übersichtskarte von Stettin:

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